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ZEICHEN UND WUNDER

Vernissage am 29. November
ab 19 Uhr

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Blindheit des Sehens - reinMein, Oktober 2010

 

 

Zwölf Blicke in die Blindheit des Sehens

Ein Augapfel im Großformat, eine Rasierklinge, und ein scharfer Schnitt. So beginnt der kurze Stummfilm „ein andalusischer Hund“. Wer das Gemeinschaftswerk von Luis Buñuel und Salvador Dalí je sah, wird diese Szene nicht mehr vergessen. So hat auch die Ausstellung „Blindheit des Sehens“ im Frankfurter KunstBlock begonnen. Dabei sind die Exponate der zwölf Künstlerinnn und Künstler alles andere als blutrünstig. Sie kommen aus der Stille und erfordern wie alles genaue Hinsehen Stille und Konzentration.

 

In Fotografien, Installationen, Malereien, Objekten, Videos und Zeichnungen kreisen sie um den scheinbaren Gegensatz von Blindheit und Sehen sowie unsere zahllosen blinden Flecken und zeigen bis zum 19. November viele Facetten. Eine Arbeit macht sogar das Sehen sichtbar. Und am 7. November wird in Kooperation mit dem Frankfurter Kino „Mal seh’n“ der mehrfach ausgezeichnete britische Dokumentarfilm „Blindsight“ vorgeführt, der blinde Jugendliche begleitet beim Besteigen eines 7.000ers im Himalaya.

Er sieht dich an, schaut dir in die Augen, tief, wie man so sagt, schaut und schaut, er wendet den Kopf, und du schaust. Durch sein Auge hindurch, das ab und zu eine trübe Schicht, die so genannte Nickhaut bedeckt, eine Art schützendes Unterlid, das sich hebt, herabfällt wie ein bewimperter milchiger Vorhang, hebt, und durch dieses Auge siehst du dann die Beine von Passanten, ein leicht trabendes Pferd, Menschen am Strand vor einem Meer, einen schiefen Horizont und dazwischen immer wieder die großen runden dunklen Löcher, die Linsen der Eule Hibou, wie das Tier auf Französisch heißt, das dich ansieht, aufmerksam und wach, bis es sich ab- und dir sein Profil zuwendet und du durch Hibou beziehungsweise seine Augen siehst, was er sehen könnte, wenn er Linsen statt Löcher und das Sehen hätte und die Sicht auf die Dinge in deinem Kopf.

Hibou ist ein Uhu, der im Sand vor einer Mauer sitzt wie ein Wächter oder ein
Verstoßener. „Blindsight: Hibou“ hat die schweizer Künstlerin Marie José Burki ihr Video genannt, das 1992 auf der Documenta zu sehen war und zweifeln lässt, ob die Bilder wirklich blind sind oder vielleicht doch zurückschauen. Nicht zufällig sind Betrachtende und Hibou auf gleicher Augenhöhe. Eine ganz andere Augenhöhe zeigt der Frankfurter Klaus Schneider. Blaue Murmeln auf einem Sockel formen das titelgebende Wort „Augenhöhe“ in Braille. Allerdings kann es nur lesen, wer mindestens so groß ist wie der Künstler und die Blindenschrift beherrscht. Die anderen Sehenden sehen kleine blaue Erhebungen und rote, grüne, gelbe und blaue Spuren von Farbe, die den zentralen Sockel herabgetropft ist. Blinde könnten das Wort mit ihren Händen entziffern, aber nicht das ganze Objekt.

„Sehen ist gleichzeitig blind sein“, wie die Lyrikerin Elke Erb gesagt hat. „Worauf man sieht, macht einen blind für was anderes.“ Eine andere Arbeit Schneiders macht die Betrachtenden größtenteils blind für sich. So sehr sie auch in den Spiegel schauen, sie sehen sich nur am Rand und in den sprechenden Punkten der Blindenschrift: „autobiograf“, ansonsten versperrt ein weiß lackiertes Viereck die Sicht. Sie können sich nicht wie Narziss im Wasser spiegeln und womöglich in ihre eigene Schönheit verlieben und darin ertrinken. Oder wie Dorian Gray, der einzige Romanheld Oskar Wildes, ein junger Mann voller Naivität, der seine Schönheit erkennt, als er sein Porträt sieht, und sich wünscht: „Würde doch nur das Bildnis statt meiner altern".

So beginnt das Bild ein Eigenleben. Es altert und zeigt die Spuren eines zügel- und skrupellosen Lebens, die auf Dorians Gesicht unsichtbar sind. Bis der Selbstverliebte eines Tages das Bild zerschneidet, und es wieder den schönen jungen Mann voller Naivität zeigt, der er war. Am Boden liegt ein alter, hässlicher Mann mit einem Messer in der Brust, den die Angestellten nur an seinen Ringen erkennen. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Schneider mit der Beziehung zwischen Sprache und Sehen, Wahrnehmung und Verstehen. Aus diesem Grenzbereich kommt auch das Objekt in der Leseecke, das die Frage aller Fragen stellt: „Wer“ bist du. In einer Art Negativ gibt die Blindenschrift die Antwort „Wir“. Das sagt auch ein Regal voll Bücher. Gedichte und Romane, Bio- und Autobiografien, Sachbücher und Prosa und Sessel laden ein, weitere Gesichtspunkte der Blindheit quer durch die Genres kennen zu lernen. Etwa Hans Magnus Enzensbergers Gedichtband „Blindenschrift“, Rilkes „Buch der Bilder“ mit seinen Gedichten über Blinde, Stephen Kuusistos Autobiografie „Der Planet der Blinden“, José Saramagos Roman „Die Stadt der Blinden“, Evgen Bavčars Buch über „Das absolute Sehen“ … Und immer wieder der durchdringende Schrei der Eule und ihre Frage, wer sieht was und wie. Für den in Paris lebenden blinden slowenischen Fotografen Evgen Bavčar sind seine Hände und seine Ohren die Augen, und die möglichst genauen Beschreibungen seiner Assistenten.

Wie die Sehenden hat er „visuelle Anlagen, optische Bedürfnisse. Wie jemand, der sich in einem dunklen Raum nach Licht sehnt. Aus dieser Sehnsucht heraus“ fotografiert er. Gegenüber sehenden Fotografen habe er den Vorteil: Seine Augen sehen nicht ständig Bilder, ob sie wollen oder nicht. Und seine Modelle können sich „nicht so präsentierten, wie sie es gewohnt sind, es fehlt die implizite Komplizenschaft mit einem Fotografen, der sie in ihrem Narzissmus bestätigt.“ Seine Fotos, zumeist sehr dunkle Fotos, haben einen eigenen Reiz und zeigen
gewissermaßen das Blindsein, das Sehen mit Händen. Er macht sie meist im Dunkeln mit langer Verschlusszeit, eine Taschenlampe tastet das Objekt ab. Aber wir sehen nie Bavčars Bilder, so wie er sie sieht. Die sind in seinem Kopf – darin ist er allen Künstlern gleich. Was wir sehen, ist der Versuch, ihnen Gestalt zu verleihen und sie ans Licht der Welt zu bringen.

Oder wie Jacques Derrida es formuliert hat: Der Künstler sehe ohnehin nicht, was er darstellt, er arbeite blind aus dem Gedächtnis und für das Gedächtnis. In der Ausstellung ist Bavčar ungewöhnlicherweise mit Farbfotos vertreten von „St. Lucia“, der Heiligen für die Wiederkehr des Lichts, und einem Foto aus der Serie „die Flüssigkeit der Welt“, einem fortschwimmenden Porträt einer jungen Frau. Ähnlich und doch ganz anders Nicole Ahlands Fotografien, die bis an den Rand des Sichtbaren gehen. Sie sind hingehaucht wie Traumszenen, die man mehr erahnen als sehen kann. Oder erscheinen wie Reste, der Nacht entrissen. Jelena Heitsch nimmt dagegen das Abwesende in Augenschein. Mit ihren Papierobjekten bringt sie es zum Vorschein und macht Platz für Projektion und Fantasie. Ihre handgeschöpften Rahmen, grazile Gebilde aus Papierpulpe, geben dem Nichts Halt und Zierde. Sie umfassen ein Stück weißer Wand, in das die Betrachtenden ein eigenes Bild hineinsehen können. Ähnlich wie Tucholsky in seiner Prosa über die Löcher untersucht sie die Beziehung zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Bild und Blick oder den Tod mitten im Leben. Das könnte auch für die Zeichnungen von Jochem Hendricks gelten. Einen
wissenschaftlichen Apparat auf den Augen schauen beide ins Nichts. Dabei starren sie nicht geradeaus ins Leere, sondern bewegen sich unentwegt. Beim Nichts mit zwei Augen gesehen gibt es mehr zu sehen als mit dem rechten oder dem linken Auge. Und der Blick unterscheidet sich. Beim Sehen sind wir Menschen offensichtlich ebenfalls unsymmetrisch. Karsten Krafts dunkle Tafelbilder erinnern die Autorin an Farberscheinungen in völliger Dunkelheit und Lautlosigkeit. Ohne Bild und ohne Laut werden Menschen wahnsinnig und produzieren sie inwendig. Dabei sind Krafts Bilder vielschichtig und scheinbar endlos wie das All mit seinen zahllosen Galaxien und schwarzen Löchern.

Über die Ausstellung „Blindheit des Sehens“ zu schreiben ist wie ein Essen beschreiben. Keine Beschreibung wird dem zu Sehenden gerecht, zumal jeder Mensch seine eigene Sicht hat. Vielleicht ließe sie sich auch als Ausstellung über das Loch, die Leerstelle beschreiben. Die Punkte der Blindenschrift Braille stellen gewissermaßen Leerstellen dar, Krafts schwarze Bilder nehmen Bezug auf die Löcher im All, Heitschs Rahmen sind leer, Hibous Pupillen die Löcher im Auge, die Windaugen, wie Fenster früher hießen, in den Fotografien von Martin Brüger sind blind und ohne Durchblick wie die weißen Stellen im Mauerwerk. Bernd Reich durchsticht seine Fotos, sodass perforierte Umrisse erscheinen, eine Art Negativform aus Löchern und die unstillbare Neugier auf das, was ‚wirklich‘ auf der Rückseite zu sehen ist. Alle Bilder und Installationen brauchen Zeit, sich zu entfalten und zu wirken, richtig gesehen und erkannt, wahr genommen (im doppelten Wortsinn) zu werden. Die Welt ist ein Fragment, und Augen sind ihr Bruch. Sie picken sich wie im Märchen das heraus, was sie mögen; das andere übersehen sie. Das trifft jedoch für keinen der vertretenen Künstler im Franfurter KunstBlock zu, auch wenn er und sie unerwähnt geblieben ist. Das ist lediglich eine Frage der Textlänge.

Fest steht: Der Frankfurter KunstBlock ist eine Oase inmitten der Geschäftigkeit der Stadt und mehr als einen Besuch wert. Am 7. November ist es das Programmkino „Mal seh’n“. Um zwölf Uhr gibt es eine Sonderschau mit Kurzfilmen und dem ungewöhnlichen Dokumentarfilm „Blindsight“ über den Aufstieg blinder tibetischer Jugendlicher auf den 7.000 Lhakpa Ri des Himalaya. Frankfurter KunstBlock
Hanauer Landstrasse 139 (Hof)
60314 Frankfurt am Main
Telefon: (0 69) 40 59 02 75
Telefax: (0 69) 40 59 02 76
Internet: http://www.frankfurter-kunstblock.de
nicht barrierefrei
Öffentliche Verkehrsmittel: Linie 11 Osthafenplatz „Blindheit des Sehens“ ist eine Ausstellung in Kooperation mit dem Dialogmuseum und dem Künstler Klaus Schneider und bis 21. November werktags von 10-17 Uhr geöffnet.

 

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler:

Nicole Ahland: Fotografie

Evgen Bavcar: Fotografie

Martin Brüger: Fotoarbeiten

Marie José Burki: Video

Markus Frohnhöfer: Collage

Helga Griffiths: Installation

Jochem Hendricks: Zeichnung

Jelena Heitsch: Papierobjekte

Karsten Kraft: Malerei

Willes Meinhardt: Malerei

Bernd Reich: Gestochenes Fotopapier

Klaus Schneider: Objekte

 

Am 7. November um 12 Uhr Kurzfilm-Special zur Ausstellung „Blindheit des Sehens“ im Kino Mal Seh’n

Adlerflychtstraße 6 HH, 60318 Frankfurt

Telefon: 069/5970845, Telefax: 069/591333

http://www.malsehnkino.de (barrierefrei)

 

Text: Dorothée Mahringer

 

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