Nächste Ausstellung

ZEICHEN UND WUNDER

Vernissage am 29. November
ab 19 Uhr

optimiert für Firefox und Safari

Blindheit des Sehens - Frankfurter Rundschau, 15. September 2010

 

 

Die Gruppenausstellung "Blindheit des Sehens" im Frankfurter KunstBlock spielt mit der Wahrnehmung der Besucher

Von Mia Beck

 

"Die Vorstellung der Sehenden vom Nichtsehen, oft gleichbedeutend mit dem "Nichts", interessierte schon den Dichter Jose Saramago sehr: "Bildnisse sehen nicht? Du irrst Dich, die Bilder und Figuren sehen mit den Augen, die sie betrachten." In seinem Roman "Die Stadt der Blinden", in dessen Verlauf alle Bewohner einer Stadt mit Blindheit geschlagen werden, gerät deren gewohnte Welt nach und nach komplett aus ihren Fugen. Fest steht, dass das Sehen, respektive der Blick hinter die Oberfläche der dinglichen Erscheinungen, eine wahre Kunst ist.

"Blindheit des Sehens" lautet nun der Titel der aktuellen Gruppenausstellung im Frankfurter KunstBlock, bei der die Veranstalter Florian Koch und Claudio Malasomma erstmals mit dem benachbarten DialogMuseum und dem Künstler Klaus Schneider kooperierten.

Mit ihrem paradoxen Titel mochten die Organisatoren daran erinnern, was uns im alltäglichen Sehen alles entgehen kann, wenn wir, wie es halt so oft der Fall ist, wieder einmal nicht genau hinsehen.

Zwölf Künstler beschäftigen sich in der Schau auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Sichtbarmachen von Unsichtbarem. Den Frankfurter Maler Karsten Kraft etwa interessiert die Darstellung von dunkler Materie, einer hypothetischen Form von Materie, die für das menschliche Auge unsichtbar ist. Seine großformatige, aus vielerlei dunkellila, blauen und schwarzen Farbschichtungen aufgebaute Arbeit "dark matter" sieht man an, dass sie über einen langen Zeitraum hinweg entstanden ist. Für den Betracht er nimmt ihre kraftvolle Wirkung je nach Tageszeit und Lichteinfall ab oder zu.

Brügers blinde Fenster bieten weder einen Blick ins Innere noch nach draußen.

Ebenfalls interessant: Die manipulierten Farbfotografien von Martin Brüger, der mit Vorliebe Wohnhäuser ablichtet, deren Fensterfronten er anschließend mit Hilfe des Computers durch weiße Farbflächen ersetzt. Seine blinden Fenster, die zwar weder einen Blick ins Innere noch nach draußen ermöglichen, bilden wohl gerade deshalb eine Projektionsfläche für Fantasien und Erinnerungen.

Markus Frohnhöfer kann für seine Collagen immer auf einen enormen Zeitschriften-Fundus zurückgreifen. Aus angesammelten Nachrichten-Magazinen wählt er jene Bilder aus, die ihn interessieren, und überklebt das Motiv mit schmalen Tesafilm- Streifen. Den Abdruck des Bildes, der dann beim Wiederabzupfen auf dem Plastikstück hängen bleibt und wie ein Filmstreifen aussieht, collagiert er gemeinsam mit Hunderten von anderen Fragmenten zu einem neuen Werk.

Vom Zupfen zum Stupfen: Von Bernd Reich stammen die sogenannten "Stupfarbeiten", ein Begriff aus der süddeutschen Heimat des Künstlers. Unter Stupfen ist das Durchstechen eines Bildhintergrundes mit feinen Nadeln zu verstehen, was Reich mit Vorliebe bei Fotografien praktiziert. Doch nicht die durchlöcherte Vorderseite der Fotografie wird dem Betrachter präsentiert, sondern deren Rückseite, auf der sich die Stiche als Nadelzeichnung manifestiert haben. Vom Motiv bleibt nur die Perforation.

Klaus Schneider, dessen Thema die Korrelation zwischen Sprache und visueller Wahrnehmung ist, setzt in seinen Werken bevorzugt Textfragmente aus der Blindenschrift ein. Seine aus Swarovski-Kristallen zusammengesetzte Haiku-Arbeit oder die Skulptur "Augenhöhe", die sich zunächst nur Menschen erschließt, die mit dem Künstler auf gleicher Augenhöhe (1,66 Meter) sind, spielt ironisch mit den Konventionen von Sprache.

 

<< zurück