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ZEICHEN UND WUNDER

Vernissage am 29. November
ab 19 Uhr

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Familienbilder - Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03. April 2008

Wie es ist, wenn es war Eine Gruppenausstellung mit Familienbildern im Frankfurter „KunstBlock“ Was wäre, wenn? Wenn wir zum Beispiel Frisör geworden wären? Oder Playboy vielleicht oder Bürokaufmann oder zum Entsetzen der Verwandtschaft konvertiert? Was wäre, wenn die Prinzessin aus unbeschwerten Kindergartenzeiten uns nicht eines Tages wegen eines Dorfschulcasanovas dreist verlassen hätte? Und wir ein Kind bekommen hätten oder zwei und also Vater, Mutter, Kind mit Reihenhaus und bei der Freiwilligen Feuerwehr wären?

 

Fragen über Fragen, die sich dem Betrachter angesichts von Caroline Labuschs Fotoserie „Familie Labusch“ stellen, die derzeit mit drei weiteren künstlerischen Positionen zum Thema „Familienbilder“ im Frankfurter „KunstBlock“ (Hanauer Landstraße 139) zu sehen ist. Seit knapp drei Jahren stellt Florian Koch hier in den Räumen der BellaVista Film mit vier meist thematisch zusammengehaltenen Ausstellungen pro Jahr vorwiegend junge Künstler aller Medien vor. Und wenn nun Labuschs Inszenierung möglicher Lebensentwürfe – als Lesbe, als Mutter einer Großfamilie oder brav im Vorstadtfotostudio neben ihrem treusorgenden Gatten – neben Eva Schwabs auf wachsgetränkter Leinwand die eigene Erinnerung befragende Malerei zu hängen kommt; wenn sich mit den Bildern Dieter Mammels und der ganz dem Konzept verpflichteten Fotokunst Alexander von Reiswitz’ weitere Positionen zum Thema dazugesellen, dann ist das als Idee zunächst einmal außerordentlich gelungen und charmant. Denn zu sehen, wie etwa Schwab und Mammel mit ihren Arbeiten die je eigene Biografie als Material begreifen und aus der eigenen Kindheit schöpfen, aus Fotoalben, Erzählungen vielleicht und inneren, mal mehr, mal weniger verblassten Bildern; wie sie auf Filme, auf Bergman etwa, und das kollektive Gedächtnis rekurrieren und dabei ganz beiläufig die Erinnerung selbst zum Thema machen: All das ist allemal spannend nicht zuletzt im Hinblick darauf, dass sich die Ergebnisse der von einem ähnlichen Ansatz ausgehenden Künstler nicht nur malerisch ganz wesentlich voneinander unterscheiden. Allein, die Inszenierung in den nicht eben einfach zu bespielenden Räumen vermag nicht in jedem Fall zu überzeugen. Das gilt zuvörderst für die Malerei des mittlerweile in Frankfurt heimisch gewordenen Dieter Mammel, in dessen Raum schlicht zu viele Bilder hängen. Statt Dichte aber herrscht der Eindruck eher wahlloser Zusammenballung. Dass er etwa seit Jahren schon in Zyklen malt, die – stets monochrom in Tusche auf klatschnasser, ungrundierter Leinwand ausgeführt – als „Family Works“ in Grün oder als „Magenta Lovers“ in Pink und Aubergine und als von sanfter Melancholie grundiertes „Feeling Blue“ die Erinnerung und all die diffusen Bilder, die wir uns von ihr machen, buchstäblich und in konzeptueller Strenge in eine andere Farbe tauchen, bleibt dem Betrachter weitgehend verborgen. Glücklicher erscheint da schon die Gegenüberstellung von Labuschs wunderbar stilecht gerahmten Fotografien mit den bescheidenen Formaten Eva Schwabs, die darüber hinaus mit einigen aktuellen, den Kontext zunehmend ausblendenden Leinwänden vertreten ist. Und womöglich beginnt für die Frankfurter Künstlerin derzeit ohnehin eine ganz neue Phase: Mit „Wie es ist, wenn es war“, einem mit Fleiß und Akribie und Kleinmädchenhandschrift gestalteten Fotoalbum all ihrer Arbeiten der vergangenen Jahre, werden die „Familienbilder“ auf wundersame Weise selbst Erinnerung. Und nicht zuletzt sind es die Schwarzweißaufnahmen Alexander von Reiswitz’, die im „KunstBlock“ das Thema um eine weitere Facette erweitern. Jedes dieser Familienporträts, so scheint es, erzählt eine sehr eigene Geschichte von Nähe und Distanz, von Vertrauen vielleicht oder gar Liebe, von Vätern und Söhnen, Geschwistern, Onkeln und Tanten. Doch die in New York, Osaka oder Heusenstamm und mithin bis zum Ende des Jahres 2010 rund um den Globus entstehenden Bilder seines „Family Constellation Project“ zeigen mitnichten, was sie dem Betrachter suggerieren. Vielmehr stellt der Fotograf spontan und auf der Straße seine so fröhlich und vertraut in die Kamera lächelnden Familien erst zusammen. Nur für diesen einen, kurzen Augenblick, bevor sie wieder ihrer Wege gehen. Nichts davon also, was wir zu sehen glauben, ist wahr. Doch was wäre, wenn? Die Bilder haben ihre eigene Wirklichkeit. Und da ist alles möglich.

 

CHRISTOPH SCHÜTTE

 

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